Gedichte

Felix Dörmann
(1870-1928)

Madonna Lucia

Und wieder umpreßt und umschnürt mich
Das grauenhaft herrliche Weib,
Es brennt und zuckt und zittert
Morphiumgesättigt ihr Leib.

Jedwede Muskelfaser
Sich zum Zerreißen dehnt,
Die schrankenlosesten Freuden
Das trunkene Hirn ersehnt.

Es hebt in wilden Stößen
Schweratmend sich die Brust,
Durch jede Fiber rieselt
Bewußtseinertötende Lust.

Dein Feuerauge funkelt
In brünstiger Liebesgier,
Jetzt ist die Zeit gekommen,
Geliebte,

jetzt sündigen wir.

Erich Fried
(1921-1988)

Erotik


Befreiung mit dir
damit wir nie mehr
schamlos sein müssen

Und nicht mehr erklären müssen:
»Es ist doch
nichts weiter dabei«

Endlich können wir tun
du mit mir
ich mit dir

Alles was wir wollen
auch das
wobei viel ist

Und was wir sonst nie getan haben
Und was wir nicht sagen werden
irgendwem
Erich Fried
(1921-1988)

Lust

Nähe
und Wärme
und Duft
von offenem Schoß
und von Samen

Kein Tier
das jetzt traurig wäre
das heuchelte
oder
sich schämte

Else Lasker-Schüler
(1869-1945)

Eros

O, ich liebte ihn endlos!

Lag vor seinen Knie'n
und klagte Eros
meine Sehnsucht.

O, ich liebte ihn fassungslos.

Wie eine Sommernacht
sank mein Kopf
blutschwarz auf seinen Schoss
und meine Arme umloderten ihn.

Nie schürte sich so mein Blut zu Bränden,
gab mein Leben hin seinen Händen,
Und er hob mich aus schwerem Dämmerweh.
Und alle Sonnen sangen Feuerlieder
Und meine Glieder
Glichen
irrgewordenen Lilien.


 
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